Justus Brinckmann Gesellschaft
Freunde des Museums für Kunst und Gewerbe

1886
Gründung des Kunstgewerbe-Vereins
durch Justus Brinckmann (1843-1915)

Max Liebermann (1847-1935) Portraitstudie von Justus Brinckmann für das Gemälde "Der Hamburgische Professorenkonvent" (1906), Öl auf Leinwand. Foto: Courtesy Hamburger Kunsthalle

Als Initiator und erster Direktor des 1877 gegründeten Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg erkannte Justus Brinckmann, dass die Förderung des Kunstgewerbes nicht allein durch das Museum geleistet werden konnte. Nach dem Vorbild des Gewerbevereins der Patriotischen Gesellschaft von 1765, deren kunstgewerbliche Abteilung Brinckmann jahrelang leitete, wurde deshalb am 23. Februar 1886 die Gründung des Kunstgewerbe-Vereins zu Hamburg beschlossen. Gewerbetreibende, Handwerker, Kunsthandwerker und alle, die „Freude an kunstgewerblichen Altertümern“, und „Verständnis für die Bedeutung der Kunst im Leben“ haben, waren eingeladen, sich dem Verein anzuschließen. Gemeinsam wollte man den negativen Folgen der industriellen Produktion für das gestaltende Handwerk entgegenwirken und dafür eintreten, Qualität und ästhetische Vielfalt zu sichern. Der Zuspruch war groß – fast 900 Mitglieder zählte man um die Jahrhundertwende.

Das Museum für Kunst und Gewerbe von Osten, um 1880. Foto: Courtesy MKG Hamburg

Wie in anderen Städten im kaiserlichen Deutschland war die bürgerliche Vereinigung auch in Hamburg Ausdruck wachsender Emanzipation aus alten Ordnungen. Der Kunstgewerbe-Verein wurde zum pulsierenden wirtschaftlichen und sozialen Netzwerk. Zahlreiche Veranstaltungen wie Vorträge, Führungen, Exkursionen und Stiftungsfeste boten Anregungen, sich fortzubilden und den Geschmack zu schulen, Geschäftskontakte zu pflegen und in geselliger Runde neue Verbindungen zu knüpfen. Vom Verein initiierte Wettbewerbe, zusammen mit dem Museum durchgeführte Ausstellungen, wie auch die 1879 zum ersten Mal abgehaltene Messe Kunst und Handwerk, förderten den Nachwuchs und verhalfen dem Kunstgewerbe der Stadt Hamburg zu konjunkturellem Aufschwung.


1921
Gründung der ersten Justus Brinckmann Gesellschaft
durch Max Sauerlandt (1880-1934)

Max Sauerlandt (1880-1934) an seinem Schreibtisch, um 1931. Foto: Courtesy MKG Hamburg

Parallel zum Kunstgewerbe-Verein rief Max Sauerlandt, der 1919 den Direktorenposten übernahm, am 29. November 1921 einen Förderverein ins Leben, der vornehmlich zur finanziellen Unterstützung des Museums gedacht war und den er zu Ehren seines Vorgängers Justus Brinckmann Gesellschaft nannte. Dank der Mitgliedsbeiträge und Spenden der Förderer, unter denen sich zahlreiche Privatsammler, Ärzte, Bankiers und Industrielle befanden, war es Sauerlandt trotz der desolaten Wirtschaftslage und des knappen staatlichen Erwerbungsbudgets möglich, Kunstwerke anzukaufen und die Sammlung um hervorragende Exponate zu erweitern. Die erste Donation der Gesellschaft war als Reminiszenz an den Fayence-Sammler Brinckmann ausgewählt und wurde zum verbindlichen Signet des Förderkreises: die Kurfürsteneule.

Innerhalb ihres gut zehnjährigen Bestehens konnten mit Mitteln der Gesellschaft über 800 Objekte für das Museum erworben werden – darunter auch zahlreiche moderne Kunstwerke wie die Holzfigur „Badende“ von Ernst Ludwig Kirchner, einem Vertreter der Expressionisten, die Sauerlandt mit großer Leidenschaft förderte. Als Dank und Gegengeschenk erhielten die rund 150 Förderer Einladungen zu exklusiven Vorträgen und aufwendig gestaltete Jahresberichte, die zu einem tieferen Verständnis der Neuerwerbungen beitragen sollten.
Carl Otto Czeschka: Vignette der stilisierten Kurfürsteneule auf dem Cover des Jahresberichts der JBG. - Kurfürsteneule, Süddeutschland, um 1540, Fayence. Foto: Courtesy MKG Hamburg

1933
Auflösung der Justus Brinckmann Gesellschaft und Gleichschaltung des Kunstgewerbe-Vereins unter nationalsozialistischer Herrschaft

Erfasst von den ökonomischen Turbulenzen der Weltwirtschaftskrise sahen sich die Fördervereine des Museums in den 1920er Jahren gezwungen, die Erhebung von Beiträgen auszusetzen. Dem Kunstgewerbe-Verein gelang es auf diese Weise, den Austritt zahlreicher Kunsthandwerker rückgängig zu machen. Der Justus Brinckmann Gesellschaft dagegen waren dadurch nahezu alle Wirkungsmöglichkeiten genommen. 1932 stellte sie ihre Tätigkeit ein, sechs Jahre später wurde sie aus dem Vereinsregister gestrichen. Außerdem fielen fast alle der ca. 300 Werke expressionistischer Maler und Bildhauer, die mit Spenden der Gesellschaft erworben worden waren, 1937 der nationalsozialistischen Aktion „Entartete Kunst“ zum Opfer.
Rolf Nesch: Portrait Max Sauerlandts mit der Holzfigur „Die Badende“ von Ernst Ludwig Kirchner. - Ausstellungsführer „Entartete Kunst“, Skulptur von Otto Freundlich aus dem MKG. Foto: Courtesy MKG Hamburg


Im April 1933 wurde Max Sauerlandt seines Amtes als Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe enthoben. Auch für den Kunstgewerbe-Verein hatte die Machtergreifung der NSDAP weitreichende Folgen. Einen Monat nach Absetzung Sauerlandts trat bei einer Versammlung in dessen Privatwohnung der bisherige Vorstand des Kunstgewerbe-Vereins geschlossen zurück. Die Ämter wurden neu besetzt und der Verein dem Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste unterstellt. Erst mit Kurt Dingelstedt, dem späteren Kustos der Abteilung Moderne, war ab 1936 wieder ein Museumsmitarbeiter als Vorsitzender im Verein vertreten. Seinem Engagement für zeitgemäßes gestaltendes Handwerk ist es zu verdanken, dass der Verein bis 1939 zahlreiche Sonderschauen organisierte, die u. a. Werke so herausragender Künstler wie Alen Müller-Hellwig oder Jan Bontjes van Beek präsentierten.
 

1945
Neuwahl des Vorstandes und Wiederaufnahme
der Tätigkeit des Kunstgewerbe-Vereins

Die Hamburger Künstler Lore Brand, Arnold Fiedler, Linda Malamos, Walther Siebelist und Johannes Ufer auf der Weihnachtsmesse 1954, Foto: Ingeborg Sello, Nachlass Ingeborg Sello.

Von gravierenden Kriegsschäden weitestgehend verschont, begann 1945 der Wiederaufbau des Museums für Kunst und Gewerbe wie auch des Kunstgewerbe-Vereins. Mit der vom Verein ausgerichteten und viel beachteten Ausstellung „Zeitgenössisches Kunsthandwerk“ führte Dingelstedt sein engagiertes Eintreten für das aktuelle Kunstschaffen fort. Gleichzeitig warb er damit um neue Vereinsmitglieder. 263 Förderer konnte man zum Jahresende 1946 bereits wieder verzeichnen. Auch die 1949 vom Verein organisierte erste Messe Kunst und Handwerk nach kriegsbedingter Pause war mit 50 teilnehmenden Kunsthandwerkern ein großer Erfolg.

Neben dem Ausbau und der Pflege der Messe sind in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Krieg zwei weitere Schwerpunkte der Vereinsarbeit zu nennen: Wiederbeschaffung oder Ersatz der 1937 als entartet verschleppten Kunstwerke und Ankauf moderner Angewandter Kunst. So konnte 1966 die Figur „Stehende mit aufgestütztem Kinn“ von Erich Heckel erworben werden; Werke von Henry van de Velde, Peter Behrens, Mies van der Rohe, Wilhelm Wagenfeld oder Gunta Stölzl ergänzten die Sammlung um Klassiker der Moderne. Die zahlreichen Erwerbungen zeitgenössischen regionalen wie internationalen Kunsthandwerks bildeten eine bedeutende Bereicherung des Bestandes der im Aufbau befindlichen Abteilung Moderne des Museums.
 

1969
Umbenennung des Kunstgewerbe-Vereins
in Justus Brinckmann Gesellschaft

Eberhard Thost. Plastik von Jörn Pfab, Chrom-Nickel-Molybdänstahl - Jürgen Elingius. Plastik von Manfred Sihle-Wissel, Bronzeguss. Foto: Courtesy MKG Hamburg
 

Unter der langjährigen Präsidentschaft von Eberhard Thost in den Jahren 1949-1979 erhöhte sich die Anzahl der Mitglieder des Vereins um das fünffache auf 1300. Die methodische Erwerbungspolitik unter seinem Vorsitz war mitprägend für das Sammlungsbild der Abteilung Moderne. Um der Aktualität und dem zeitgemäßen Charakter des Förderkreises Ausdruck zu verleihen, entschied man 1969 die Umbenennung des Kunstgewerbe-Vereins in Justus Brinckmann Gesellschaft e.V. (JBG). Der Kreis war geschlossen: Aus einem ursprünglich wirtschaftsfördernd gedachten Bürgerverein, der sich immer mehr zum Bildungsverein wandelte, entwickelte sich ein mäzenatisch wirkender Freundeskreis, der sowohl Brinckmanns wie auch Sauerlandts Idee der Kunstförderung in sich lebendig hält.

Auch die bereits von Brinckmann als Instrument der Förderung eingeführte Verleihung einer Auszeichnung für herausragendes Kunsthandwerk wurde in den 1960er Jahren wieder aufgenommen. Der heute anlässlich der Messe Kunst und Handwerk jährlich verliehene Justus Brinckmann Preis ist eine der renommiertesten Auszeichnungen für das gestaltende Handwerk in Deutschland.

Tradition haben auch die sog. Brinckmann-Reisen. Bereits der Museumsgründer organisierte Werkstattbesuche und Exkursionen zu Kunststätten Norddeutschlands, um den Mitgliedern Kunstwerke auch außerhalb des eigenen Museumskontexts zugänglich zu machen. Ähnliche Veranstaltungen werden seit Beginn der 1970er Jahre und unter der Präsidentschaft des Architekten Jürgen Elingius in immer bedeutenderem Umfang auch von der JBG initiiert. Ausstellungs- und Atelierbesuche, Tagesfahrten zu attraktiven Zielen im Umland sowie Studienreisen zu den Zentren europäischer und internationaler Kunst sind fester Bestandteil eines vielseitigen Kultur- und Bildungsangebotes für die Freunde des Museums.
Besucherandrang vor der Ausstellung „Tutenchamun“ im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1981. Foto: Courtesy MKG Hamburg

Axel von Saldern, von 1971-1988 Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe, führte in Hamburg – als erstem Museum in Deutschland – das Ehrenamt nach amerikanischem Vorbild ein. Das erste Wirkungsfeld hierfür war 1981 die legendäre Tutenchamun-Ausstellung: Ohne den kurz entschlossenen und tatkräftigen Einsatz der 450 freiwilligen Helfer aus den Reihen des Freundeskreises wäre der riesige Besucheransturm kaum zu bewältigen gewesen. Dieses Engagement als Ausdruck einer lebendigen Verbundenheit mit dem Museum ist seither kennzeichnend für die Justus Brinckmann Gesellschaft.

1996-heute
Museumserweiterung: Neubau des Schümann-Flügels
und Neustrukturierung der JBG

Blick in den Museumshof mit dem Neubau des Schümann-Flügels und den von Justus Brinckmann gepflanzten Gingko-Bäumen. Foto: Courtesy MKG Hamburg

Unter der Ägide Wilhelm Hornbostels, Museumsdirektor von 1988-2008, und der Präsidentschaft des Architekten und Städteplaners Christian Farenholtz kam es 1996 zu maßgeblichen strukturellen Veränderungen innerhalb des Museums. Gemeinsam mit der Hans-Otto und Engelke Schümann-Stiftung als private Mäzene und einer eigens für die Durchführung des Bauvorhabens gegründeten Justus Brinckmann Förder GmbH als Bauherr wurde die Erweiterung und damit verbunden eine durchgreifende Erneuerung des Museums realisiert. 4500 qm zusätzliche Nutzungsfläche bietet der nach Plänen des Hamburger Architekturbüros Alsop & Störmer entworfene Neubau. Im September 2000 feierlich eröffnet, beherbergt der nach seinen großzügigen Stiftern benannte Schümann-Flügel heute u.a. die Sammlung Beurmann, eine einzigartige Sammlung historischer Tasteninstrumente, die das Ehepaar Andreas und Heikedine Beurmann dem Museum zum Geschenk machte.

Dass der Stichtag für den Neubau des Museums gleichzeitig der 75. Jahrestag der Gründung der ersten Justus Brinckmann Gesellschaft war, steht symbolträchtig für die beständig wachsende Zusammenarbeit des Hauses und seines Freundeskreises.
Die Veränderungen waren jedoch nicht nur baulicher, sondern auch rechtlicher Natur: 1999 wurde das MKG wie alle Hamburger Museen eine Stiftung öffentlichen Rechts mit weitgehend finanzieller und personeller Selbständigkeit. Für die JBG bedeutete dies eine Neudefinition ihrer Aufgaben und Tätigkeiten. Neben der traditionellen Förderung der Messe Kunst und Handwerk benennt die Satzung in der Fassung vom 23. März 2000 nun ausdrücklich die Verbesserung der Infrastruktur des Museums und eine konkrete Teilhabe der Mitglieder in unterschiedlichsten Museumsbereichen: Mehr als 200 ehrenamtliche Mitarbeiter sind es derzeit, die den Kustoden in beinahe allen Abteilungen zur Seite stehen, in der Bibliothek mitwirken oder am Infostand kundig Auskunft geben und den Besucher über die Schwelle „ihres“ Museums begleiten.

Früher wie heute ist die Justus Brinckmann Gesellschaft dem Museum ein verlässlicher Partner. Getragen von hanseatischem Bürgersinn, unterstützt der Verein mit seinen Mitgliedsbeiträgen und Spenden Ausstellungsprojekte und Publikationen, fördert durch die Finanzierung von Volontariaten den wissenschaftliche Nachwuchs und ermöglicht den Erwerb von mitunter spektakulären Sammlungsstücken. Orientiert an den aktuellen Bedürfnissen des Museums und begleitet von gegenseitigem Vertrauen konnte die Gesellschaft unter Präsident Peter Voss-Andreae in erfolgreicher Kooperation mit Wilhelm Hornbostel in den Jahren 2002-2008 diese einmalige Partnerschaft als Rahmen für kulturelle Leistungen weiter ausbauen. Mit Sabine Schulze als neuer Direktorin wird diese Tradition der Förderung in die Zukunft fortgeschrieben – gemeinsam mit 4.000 Freunden.